scenographic project | rhythm 76_19 | humboldt forum berlin

Unser Vorschlag geht von der Annahme aus, dass das Humboldt-Forum nur dann als „kosmopolitischer Ort“ wahrgenommen und reflektiert werden kann, wenn durch die Gestaltung der Architektur und der materiellen Objekte auch die Geschichte dieses Ortes hergestellt wird.

Die Einbeziehung von Teilen des Lichtsystems aus dem Palast der Republik in das Treppenhaus des Humboldt Forums soll beim sich bewegenden Rezipienten produktive Irritationen bewirken und eine semantische Offenheit bieten, die allzu rasche und einschränkende Festlegungen zur Geschichte und Gegenwart des Ortes vermeidet.

Die Überlagerung von neuer Schloss-Architektur und neu konfiguriertem Palast-Design zielt darauf, keinen statischen, befriedeten, unumstrittenen Erinnerungsort zu zelebrieren, sondern einen vielschichtigen, assoziativen und kontroversen Ort erfahrbar zu machen. Mit dieser Form der Überschreibung der Architektur soll eine palimpsestartige, narrative Struktur geschaffen werden, durch welche die unterschiedlichen Geschichten des Ortes wahrgenommen werden können, ohne dass Nostalgie-Effekte entstehen.

Das Humboldt Forum (so wie wir die bisherige Konzeption verstehen) geht von einer Geschichte der materiellen Dinge aus, durch die der Blick auf die Weltkulturen gelenkt wird. Am Ding als materiellem Gegenstand lassen sich technische, formale und auch gesellschaftliche Problemstellungen sowie der historische Verlauf der Zeit ablesen. In diesem Sinne verstehen wir auch das neukonfigurierte Lichtsystem des Palastes als materiellen Gegenstand, durch den eine vergangene Zeit übermittelt und spezifische technische und formale Dimensionen anschaulich werden. Mit diesem Gegenstand geraten aber auch Brüche und zeitliche wie kulturelle Verschiebungen in den Blick: Das modulare Beleuchtungssystem zeugt von einem Formentransfer in der Nachkriegsmoderne zwischen West und Ost: Das Modulsystem, das in alle Teile zerlegbar und variabel montierbar ist, ist unübersehbar von dem Vorgängerprodukt „Lichtsystem 2000“ der westdeutschen Firma Kinkeldey geprägt.

Zugleich stellt die zelluläre Lichtstruktur mit ihren organisch geformten Knotenpunkten ein Produkt des mechanistischen Dispositivs des Industriezeitalters dar, in dem die Natur nach dem Modell einer technischen Konstruktion, und umgekehrt die technische Konstruktion als „natürlich“ begriffen wurde. So manifestiert sich in dem Lichtsystem eine Vorstellung, wie zur Mitte des 20. Jahrhunderts Form und ihre Wahrnehmung im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft diskutiert wurden.

Unser Vorschlag sieht den Einbau, das heißt die De-Konstruktion und Neukonfiguration des original erhaltenen Stabkugel-Lampensystems von Peter Rockel, 1975 vor:

Das Lampensystem wurde 1975 für den Palast der Republik (im Weiteren PDR genannt) entworfen und 1976 eingebaut.

Ausführung: Kombinat Leuchtenbau/DDR
Stahl, verchromt, mundgeblasene Transparentglaskugeln
Frei konfigurierbares, in der Länge variables Modulsystem

In einem Geflecht horizontaler und vertikaler Stäbe saßen an den Stab-Enden Kugelleuchten. Insgesamt wurden 9873 Module installiert und zeigten ein illuminiertes geometrisches Muster, dominiert von Rechteck und Kreis, die einander durchdrangen. Viele Module befinden sich noch in der Sammlung des Deutschen Historischen Museums in Berlin, andere können wiederbeschafft werden.

Mit dieser funktionsadäquaten, gleichwohl fragmentierten Installation gelingt es, die kulturgeschichtliche Präsenz des PDR fortzuschreiben, denn das spezifische Potential dieses Ortes liegt in der Überschreibung des PDR durch das rekonstruierte und durch rationalistische Architektur ergänzte Schloss. Dieses Palimpsest wird intensiv erfahrbar, wenn die Geschichte des PDR nicht nur in einer separaten Ausstellungsbox aufgearbeitet wird, sondern wenn einige seiner der funktional und ikonografisch bedeutsamen Elemente zum beiläufigen, wie selbstverständlichen Bestandteil der Atmosphäre des neuen Humboldt Forums werden. Die für unser Konzept dabei ganz wesentliche Differenz zur damaligen Foyerbeleuchtung zeigt sich in folgenden Punkten:

1. Hochweisses, lichtstarkes und energiesparendes LED-Tageslicht _5500 Kelvin. Die Originalleuchten waren trüber und gelblicher.

2. Linie statt Fläche. In der vorgeschlagenen Anordnung als rhythmisierte Line zeigt sich ein, im Vergleich zur Situation im PDR, veränderter Charakter: Nicht mehr die den Raum dominierende Geste, das unübersehbare Zuviel an Lichtkörpern bildet die Atmosphäre aus, sondern ein filigranes und wie unfertiges Gerüst oder eine CLOUD, das seinen modularen Charakter explizit aufzeigt, ein erweiterbares Geflecht, das sich liest wie eine enigmatische Notation, eine geheime Schrift.

3. Differente Lichtwirkung. Die 400 Lampen (Exakt 400 Abgeordnete wurden bei der ersten und einzigen freien Volkskammerwahl der DDR am 18. März 1990 gewählt) sind in 10 Gruppen schaltbar, so dass der Gesamteindruck der Treppenhalle jeweils variiert.

4. Interaktivität und Performanz. Die wechselnden Lichtstimmungen regieren adaptiv auf die Anzahl und die Bewegungen der BesucherInnen und machen die Treppenhalle damit zum subtil performativen Ereignis.

5. Harte Lichtwechsel. Die auf das Publikumsverhalten reagierenden wechselnden Licht-Atmosphären werden selten, aber dann schlagartig vorgenommen. Damit verstärkt sich die repetitive Serialität dieser rhythmisierten Partitur.

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