architectural project REFUGEES CAMP | berlin _germany

DIE MIES BOX AUF DEM TEMPELHOFER FELD

Mies van der Rohes Beitrag zum Wettbewerb um den Neubau des Nationaltheaters in Mannheim im Jahr 1952, in einer einfachen Holzkiste aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland verschickt, wurde zwar hochgelobt von der Jury, kam für eine Realisierung allerdings nicht in Betracht. Sein radikales und aus heutiger Sicht extrem innovatives Konzept war das eines öffentlichen Forums, eines auf gesellschaftspolitischen Diskurs angelegten Theaterlabors, das ohne klare Zuweisung in Bühne und Zuschauerraum auskam.

Wir skalieren die damalige Geometrie dieser Fabrikationshalle neu, um damit auf einen Gebaudemaßstab zu kommen, der zum temporären Aufenthalt fur Flüchtlingsgruppen von ca. 80 Personen geeignet ist. Durch Beibehaltung der ursprünglichen konstruktiven Struktur als freitragende Halle können wir mit einen offenen Grundriss operieren, der je nach Aufenthaltsdauer der Flüchtlinge frei konfigurierbar, das heißt auch in Varianten ausbaubar ist. Aus Gründen der Wiederverwendbarkeit und der Aufenthaltsqualität schlagen wir eine reine Holzbauweise vor.

Die nach allen Seiten verglaste ‚Mies Box‘ ist aufgeständert, so dass im luftigen Erdgeschoss (lichte Raumhöhe ca. vier Meter) ein überdachter, nach allen Seiten hin offener, forumsartiger Platz entsteht. Diese informelle Fläche kann genutzt werden z.B. für Dienstleistungen, Werkstätten, Kleingewerbe, als Marktfläche, für gemeinschaftsstiftende Nutzungen wie Kinderbetreuung, Kollektivküchen, Sprachunterricht, kulturelle und politische Abendveranstaltungen, Feste, Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, Kino, Theater etc.

Je acht dieser ‚Mies Boxen‘ werden in einem radialen Cluster angeordnet und platzbildend aufeinander bezogen, so dass sich in deren Mitte die bei ihrer Ankunft noch rein zufällige Gemeinschaft der BewohnerInnen dieses ‚globalen Dorfes‘ (jeweils etwa 640 Personen) zusammen finden und logistisch neu strukturieren kann.

Die Urform der kreisförmigen Ansiedlung erscheint uns naheliegend, da die Flüchtlinge sich in jeder Hinsicht neu orientieren, sich erst einmal zurechfinden und ihr Leben im Exil von Grund auf neu konstituieren müssen. Wir beziehen uns damit auf informelle Strukturen im Kontext der sogenannten Arabellion (vgl. Tahrir-Platz-Besetzung in Kairo), die sich, ebenfalls radial angeordnet, in der Verbindung von analog-physischer Präsenz und virtueller Multiplikation des ‚Hier und Jetzt’ über soziale Medien wie Facebook/Twitter als extrem leistungsfähig und wirkmächtig erwiesen hatten.

Als programmatischen Ort schlagen wir das Tempelhofer Feld in Berlin vor, dort konkret die große Wiese am Rande des asphaltierten Flughafen-Vorfeldes. Seit der Flughafenschließung im Jahr 2010 ist das Tempelhofer Feld außerordentlich präsent in der stadtpolitischen Debatte Berlins. Die konträren Positionen hatten einerseits eine überwiegend kommerziell verwertbare Nachverdichtung der Feldränder im Auge bzw. andererseits die völlige Freihaltung der gesamten Fläche zugunsten spontaner, ungeplanter Aktivitäten wie: Urban Gardening, Flanieren, Picknick, Sport und Freizeit, kulturelle Aktionen, Hundeauslaufflächen, Vogelbrutstätten etc.

Ein temporär angelegtes Camp für Flüchtlinge, zumal mit einer den interkulturellen Austausch mit ParkbesucherInnen befördernden Erdgeschosszone, nimmt die erheblichen diskursiven Potentiale des Tempelhofer Feldes auf, indem es, einerseits ‚mitten in der Stadt‘, andererseits ‚auf freiem Feld‘ gelegen, die Frage stellt: Wie wollen wir zukünftig zusammenleben?

Kaum ein Ort in Berlin ware dafür besser geeignet. Denn in der Nachbarschaft lebt nicht nur eine zunehmend internationale community aus jungen Familien, Studierenden, KünstlerInnen, LebenskünstlerInnen, sondern auch türkischstammige BewohnerInnen der zweiten und dritten Generation, dazu eine eher bürgerlichen Mittelschicht, nicht zuletzt auch Kreuzberger und Neuköllner Polit- und Öko-AktivistInnen der ersten Stunde. Insofern existiert hier bereits ein sehr lebendiger, auch herausfordernder Bevölkerungsmix. Diese Bezirke müssen seit vielen Jahren erhebliche Integrationsanstrengungen leisten und hierfür von Fall zu Fall innovative Lösungen finden (Rüthli-Schule etc.). Diese Erfahrungen prädestinieren das Quartier dazu, auch die aktuellen Herausforderungen der Integration vieler NeubürgerInnen mit Phantasie und Hilfsbereitschaft zu bestehen und zudem den - insbesondere nach den Anschlägen in Paris - täglich intensiver werdenden Diskurs um die Frage: ‚Schaffen wir das?‘ zu befruchten.

Schon der damalige Wettbewerbsbeitrag von Mies für Mannheim war ja seinem Wesen nach die Adaption und Transformation eines Fabrikhallenentwurfes in ein Theatergebäude. Dass eine derart offene baulich-konstruktive Struktur, obwohl disloziert, neu skaliert und neu konfiguriert, nun auch als temporäre Behausung für Flüchtlinge funktionieren kann, wäre eine retroaktive Bestätigung der Geschichte dieses Entwurfes. Denn im Kern war es ja die Vision eines performativen, auf persönlichen Austausch und gesellschaftspolitischen Diskurs ausgerichteten öffentlichen Ortes, die Mies mit seinem neuartigen Theaterkonzept zur Diskussion gestellt hatte.

Mies ging es 1952 um die architektonisch-konzeptionelle Antwort auf die Frage und Herausforderung einer umfassenden Neuerfindung einer im besten Sinne zivilisierten, bürgerlichen Gesellschaft nach dem NS-Terror der 1930er und -40er Jahre. Heute steht erneut eine fundamentale Transformation unserer kollektiven Verfasstheit an. Das Tempelhofer Feld, dieser enigmatische und den Blick weitende Ort, wo sich Zeit und Raum berühren (das Phänomen ist ja körperlich spürbar z.B. beim Spazierengehen auf den Landebahnen), kann diese Entwicklung unterstützen. Denn nichts ist schon starr und fix auf diesem immens weiten und offenen Feld. Alles ist dort noch möglich, auch die Erfindung einer neuen Qualität des kulturenübergreifenden Miteinanders.

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