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DIE LEERE MITTE

Städtebauliche Situation
DIE LEERE MITTE, das trifft zuerst einmal auf Dessau selbst zu. Große Erwartungen aus der Wendezeit haben sich bisher noch nicht erfüllt: Viele Arbeitsplätze gingen verloren, die Einwohner-zahl ist seitdem deutlich geschrumpft, selbst im Stadtzentrum ist das spürbar: Leerstand, Lücken, offengelassene, zum Teil verwahrloste Zonen bestimmen das Bild. Das unwirtliche Areal des Stadtparks selbst wird dominiert von großmaßstäblichen Scheiben- und Hochhausgebäuden aus der DDR-Zeit.

Die Textur der Stadtmitte Dessaus hat mithin zwei Probleme zu verkraften: 1. Das Zuviel an un-definiertem, aufgelassenem städtischem Raum, 2. Die zum Teil erheblichen Maßstabssprünge, die einem intakten Stadtbild entgegenstehen.

Ein BAUHAUS MUSEUM an dieser Stelle zu errichten, bedeutet deshalb zuerst einmal, die Stadtmitte neu zu justieren und zu stabilisieren. Die nördliche Ecke des Stadtparks braucht, im Sinne einer Stadtreparatur, einen starken städtebaulichen Akzent, der unseres Erachtens nach auch deutlich in die Vertikale aufgerichtet werden muss. So kann er zum raumprägenden Ensemble werden, gemeinsam mit dem Y-Hochhauscluster im Westen, dem scheibenförmigen Plattenbau im Süden, der 180 Meter langen Wohnzeile im Osten und dem Postgebäude im Norden. Bliebe man in der Höhenentwicklung deutlich unter diesen sehr präsenten Nachbarbebauungen, wäre die Ecksituation nach wie vor stadträumlich unbefriedigend, eine Lösung als ‚Museum im Park’ wäre dann vorzuziehen.

Wir entscheiden uns gegen ein ‚Museum im Park’ zugunsten einer klar ausgeprägten städte-baulichen Kante, die Präsenz zeigt und das benachbarte großmaßstäbliche DDR-Erbe nicht wie einen historischen Fehler aussehen lässt. Denn auch diese Periode gehört ganz selbstverständlich zu Dessaus Geschichte und sollte integriert werden bei der weiteren Transformation der Stadt.

Die Bewegungsströme der Fußgänger und Radfahrer aus der Antoinettenstraße, der Ratsgasse und der Einkaufspassage des Rathaus-Center werden aufgenommen und entweder durch das Gebäude hindurch oder an dem Gebäude entlang weitergeführt. Damit aktiviert sich absehbar der gesamte Stadtraum, denn so kommen nicht nur Dessaus Bürger wie selbstverständlich in Kontakt mit dem Museumsgebäude, sondern vice versa wird dieses international ausstrahlende Museum seinerseits die Museumsbesucher in die Innenstadt Dessaus hineinführen.

Schließlich: Mit der L-förmigem Gebäudepositionierung erhält der Park eine deutlich verbesserte Aufenthaltsqualität, wird abgeschirmt vom Lärm der Straßen und kann als kultivierter Museumgarten mit Süd-West-Sonneneinstrahlung neu entwickelt werden.

Gebäudegestalt

DIE LEERE MITTE, das trifft auch auf die Gestalt des Gebäudes selbst zu. Hier sind die strukturellen und konzeptionellen Verbindungen zum BAUHAUS-Gebäude von Bedeutung: Dessen zum Teil aufgeständerte und windflügelartige Form war, nach Gropius, Ausdruck eines fluiden, dynamisierten und dynamisierenden Raumverständnisses. Eine Drehbewegung wird dabei assoziiert, ein Einfangen, Umlenken und Weiterleiten von Bewegungsströmen und räumlichen Energien wird körperlich erfahrbar. Mit dem Prellerhaus gehen diese Kraftvektoren auch in die Vertikale.

Diese Idee eines Gebäudes als ‚Raumgenerator’ (vgl. Donald Judd) kann konzeptionell auf die komplexe Situation am Stadtpark übertragen werden. Aufgrund der hoch aufragenden DDR-Nachbarschaften braucht der Ort vor allem eine angemessene Höhe. Man könnte pointiert sagen: Wir kippen gedanklich den horizontal ausgerichteten ‚Original-Raumgenerator’ BAUHAUS um 90° in die Vertikale und organisieren damit den Ort des BAUHAUS MUSEUMS. Der L-förmige Flügel in den unteren beiden Geschossen definiert dabei den Park- und Straßenraum, der in beträchtlicher Höhe schwebende lineare Gebäudeflügel stellt die Verbindung her zu den großmaßstäblichen, ebenfalls linearen Plattenbauten. Zwischen beiden Flügeln spannt sich das Energiefeld der LEEREN MITTE auf, dessen programmatisches Potential wir im folgenden Abschnitt näher beschreiben werden.

Die schlanke und filigrane Gebäudegestalt wird als kontextualisierte Ideen-Konstruktion kenntlich: Nicht eine maximale Verdichtung ist zu erkennen, sondern eine leichte und schwebende Lineatur, einer gebauten ‚Wireframe’-Zeichnung nicht unähnlich. Der Dialog zur Stadt Dessau, die dringend Konzepte finden muss für einen innovativen Umgang mit der anhaltenden Reduktion ihrer baulichen Dichte, wird explizit. Der von uns vorgeschlagene Raumgenerator definiert und dynamisiert den städtischen Raum, ohne ihn zu verdichten. Vielmehr thematisiert er – fast eine Paradoxie – die Leere, die immer auch ein Möglichkeitsraum ist.

Programmierung
DIE LEERE MITTE, das trifft schließlich auch auf die Programmverteilung zu, insbesondere auf einen räumlich extrem aktivierten, überdachten Außenbereich, den wir unter Punkt 4. beschreiben werden.

1. Das Dachgeschoß
Entgegen der naheliegenden Lösung, museale Artefakte vollständig vor Tageslicht zu schützen, sind wir der Überzeugung, dass ein BAUHAUS MUSEUM DESSAU sich zur Stadt Dessau hin öffnen sollte, Ausblicke über die Stadt ermöglichen sollte. Denn von der Höhe, in der sich die Dauerausstellung befindet, sieht man nicht nur das BAUHAUS selbst, man schaut auch hinüber zu Hugo Junkers’ Flughafen- und Junkalorgelände mit der damals innovativen Lamellenhalle. Denn ohne Junkers’ Emphase wäre das BAUHAUS wohl nie nach Dessau gekommen. Der Ausblick kann zudem verweisen auf Gropius’ Arbeitsamt, die Siedlung Törten, die Meisterhäuser, das Kornhaus usw. Er kann schließlich hinausgehen über den Fluss Mulde in das Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Unseres Erachtens gehören all diese Kontexte unbedingt in eine vollständige Rezeption der BAUHAUS-Idee. Denn das macht ja gerade ihren Charme aus: dass es eine regional und zeitlich derart begrenzte Strömung war, die nun diesen immensen Nachhall erfährt. Die Abschattung vor Tageslicht kann natürlich dennoch jederzeit und fakultativ durch entsprechend in die Fassade integrierte Systeme gewährleistet werden.

2. Das 1. OG
Die bel étage des Museums beherbergt die Wechselausstellungsflächen + eine Loggia, die zur Stadt hin orientiert ist (für Vernissagen, Empfänge etc.) und alle Räume der Museumspädagogik, incl. des Veranstaltungsraumes und des dazugehörigen Außenraumes.

3. Das EG
Im EG sind Foyer, Info- und Ticketcounter, Café, Restaurant (mit Anbindung zum Museumsgarten), Shop, sowie alle logistischen Nutzungen und Technikräume untergebracht. In der semipermeablen Fassade des EG kommen serielle, modulare Strukturmotive zum Einsatz, die das Gebäude formal mit der bemerkenswerten Historie der skulpturalen DDR-Architektur-Formteileproduktion verbinden, wie sie nach wie vor auch in Dessau zu finden sind.

4. Die leere Mitte
Im erläuternden Diagramm ist dieses Volumen mit SPATIAL EXPERIMENTS gekennzeichnet. Es bezeichnet den überdachten Außenraum oberhalb des 1. OG, der strukturiert wird durch einen freistehenden, gläsernen Aufzugsturm und das eingehängte Verwaltungsgeschoß. Er ist redundant durch drei Treppenhäuser und mehrere Aufzüge erreichbar und soll ein stetig neu zu definierender und zu bespielender Ort sein. Es ist ein konzeptionelles und projektives Versprechen, das von dieser LEEREN MITTE ausgeht: Denn ein solches Museum, wie wir es interpretieren, soll und wird sich nicht nur mit der musealen Aufarbeitung und Bewahrung des BAUHAUS-Erbes befassen, sondern zugleich eine lebendige Bühne bieten für aktuelle architektonische, technologische, künstlerische und performative Experimente und Erkundungen. Auf diesem Plateau können im jährlichen Wechsel (vgl. Serpentine Gallery in London) jeweils in den Sommermonaten junge Raumkünstler eingeladen werden, temporäre Installationen zu errichten, die dann entsprechend bespielt werden. Hier könnte z.B. ein Tomás Saraceno, Jan De Cock, Michael Beutler, Sou Fujimoto, RAUMLABOR usw. eingeladen werden, visionäre, transdisziplinäre Raumkonzepte zu erproben und dem Publikum zugänglich zu machen.

5. Der Garten
Ergänzend zur LEEREN MITTE, bietet sich der akustisch vor Straßenlärm geschützte Museumsgarten an, jenseits einer denkbaren BAUHAUS-Skulpturenpräsentation, räumlich-performative Experimente auf diesen Grünraum zu beziehen und in Dialog zu setzen mit der Dauerausstellung und dem Ereignis-Plateau des Museums.

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