architectural project maly trostinec memorial | minsk _ukraine

competition brief of the organizers

project description | Die Gruben und die Lichtung _Schnitte in die Zeit

Was in den Jahren 1941 bis 1943 in Maly Trostinec geschah, das Erschießen und Vergasen vieler Tausender jüdischer Menschen durch den Sicherheitsdienst des NS-Regimes – unterstützt von der Minsker Polizei – ist heute am Ort der Tat, dem Wald von Blagowschtschina, nahezu ohne sichtbare Spuren geblieben. Denn die Ermordungen der zumeist Wiener Juden fanden nicht in festen Behausungen statt, sondern unter freiem Himmel, mitten im Wald, auf einer schwer einsehbaren Lichtung. In der direkten Umgebung hob man in aller Eile insgesamt 34 Gruben aus, jeweils etwa 3 Meter tief und 60 Meter lang, um die Toten hineinzuwerfen und dann zu verscharren.

Die Natur hat inzwischen alle Spuren dieses massenhaften Mordens überwuchert. Bekannt ist allerdings die genaue Stelle im Wald, wo dieses monströse Menschheitsverbrechen geschah. Die schwer vorstellbare, sehr hohe Zahl der in diesem Waldstück Ermordeten verlangt unseres Erachtens nach einem Gedenkort, der die ungeheuerliche Dimension des Verbrechens verdeutlicht. Von diesem Ort sollte deshalb eine räumliche Beeindruckung ausgehen, die sinnlich und körperlich erfahrbar macht, welches Ausmaß diese Shoa im Wald von Blagowschtschina hatte.

Unser Vorschlag zu einem würdigen und angemessenen Ort der Erinnerung an die Ermordung von vermutlich mehr als 13.000 österreichischen Juden geht von zwei Begriffen aus: Die Gruben und Die Lichtung. Insgesamt vier V-förmige, im Mittel ca. 3 Meter breite Schneisen schneiden einen Spalt in das Vergessen hinein, eröffnen im übertragenen Sinne die Gruben, öffnen die Wunde des bisher Verdrängten, öffnen die Walderde, in der die Toten damals verscharrt wurden, bis auf eine Tiefe von -1.5 Metern. Der Erdaushub zu diesen Schneisen lagert als bewachsene Böschung bis zu einer Höhe von +1.5 Metern an deren oberen Rand, so dass man im Inneren der Anlage an 3 Meter hohen, abgeschrägten Wänden entlang geht. Die in das Terrain eingeschnittenen Wege erhalten eine lineare Ausdehnung, die jede nur beiläufige Kenntnisnahme völlig ausschließt und die sie aufgrund ihrer schieren Länge zu Raum-Zeit-Achsen des Gedenkens macht. Die Zeit vergeht auf diesen schnurgeraden Wegen explizit, der Gang in die Geschichte hinein und an dem Lauf der Geschichte vorbei wird unausweichlich.

Die Achsen der vier Wege verweisen auf Berlin und Minsk als Orte der Täter, auf Wien als Ort der Opfer und auf Jerusalem als biblische Heimat der Juden und heutige Haupstadt Israels. Diese steinerenen Wände sind mehrfach abgestuft und durch filigrane, lineare Konsolenelemente profiliert. Sie bieten dadurch, zusätzlich zu den angebrachten Namen auch die Möglichkeit, private Fotografien und Portraits der Toten, Blumen oder mitgebrachte Kieselsteine dort zu platzieren. So kann die Identität und Unverwechselbarkeit der Menschen, derer hier gedacht wird, sichtbar werden, und das Erinnern wird konkret. Die Wände werden also, sofern es noch lebende Angehörige gibt, durch die Verwandten und Freunde der Toten permanent verändert und ausdifferenziert. Ein Konzept scheint auf, das dabei helfen wird, den bisher namenlosen Toten ihre Persönlichkeit, ihre Geschichte wiederzugeben.

Innerhalb dieser vier in die Erde eingelassenen, schmalen Wege aus hart gestampftem, feinem Kies, die an beiden Enden jeweils über geneigte Rampen erschlossen werden, findet eine konzentrierte, andächtige, ja frontale Begegnung der Lebenden mit den Toten statt: Der natürliche Horizont ist von dort unten nicht mehr sichtbar, die Besucher sind ausschließlich verbunden mit den Namen der Toten, sehen über sich nur die Baumkronen des Waldes und die vorbeiziehenden Wolken.

Im Zentrum der Anlage öffnet sich ein dreieckiger Platz: Die Lichtung, in deren Mitte ein am Rande überlaufendes Wasserbecken einerseits die Bedrückung, die von diesem Ort ausgehen wird, mildern soll, andererseits an die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit allen menschlichen Lebens gemahnt. Eine das Wasserbecken umgebende steinerne Sitzbank erlaubt den Besuchern, sich auszuruhen und zugleich, einen Überblick zu gewinnen über die Gesamtanlage.

designed by _matthias karch

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